Leipold fordert kreative Kulturpolitik

Zwei klassische kulturpolitische Begriffe erlebten in den letzten Wochen in Konstanz eine neue Konjunktur. Mit den Forderungen „Demokratisierung der Kultur“ und „Kultur für alle“ wollen Oberbürgermeister Frank und sein Beigeordneter Claus Boldt einen Kurswechsel der Konstanzer Kulturpolitik durchsetzen. Mit populäreren Programmen sollen die Theater, Orchester oder die Museen ein breiteres Publikum erreichen. Mittelmass und Verflachung befürchten die Konstanzer Sozialdemokraten.

Die Stadtspitze, die der Kultur überproportionale Sparauflagen verordnen wollte und jetzt öffentlich rechtfertigen will, zitiert die maßgeblich von Sozialdemokraten entwickelten kulturpolitischen Konzepte verkürzt, einseitig und falsch. Die SPD dokumentiert daher die Kernaussagen eines nach wie vor akutellen Konzepts. Denn Konstanz braucht bei knappen Kassen vor allem eine kreative Kulturpolitik fordert Jürgen Leipold.

Die Konzeption ‚Kultur für alle’ geht auf den ehemaligen Kulturdezernenten der Städte Oberhausen und Frankfurt, Prof. Hilmar Hoffmann (SPD) zurück. Aus zwei zentralen Schriften Hoffmanns stammt folgende Zusammenstellung wesentlicher Kernaussagen dieses nach wie vor aktuellen kulturpolitischen Konzepts.

„Die Formel ‚Kultur für alle’ geht leicht von der Zunge, weil sie eine überzeugende demokratische Forderung darstellt. Welcher Parlamentarier könnte auf sie verzichten? Welcher Kulturarbeiter in welcher Institution auch immer, der von Mittelzuweisungen der Volksvertreter auf irgendeiner Ebene abhängig ist, könnte etwas Besseres anbieten als eine wenigsten verbal allen zugängliche Kultur? (Hoffmann 1979, 11).

Trotz der Forderung „Kultur für alle“ existiere „in Wahrheit eine Angebotspalette nur für einzelne Gruppen und Teile der Bevölkerung“. Andere Gruppen würden durch versteckte Selektionsmechanismen ausgegrenzt, weil die Angebote „Kennerschaft, Bildung oder Gewohnheit“ voraussetzen. Bei der sogenannten „alternativen Kultur“ zeige schon der Begriff, dass sich diese Angebote nur an eine bestimmte Zielgruppe richten. Hoffmann kritisiert ein Kulturverständnis, das der Masse unverbindliche Freizeitangebote schaffe, während die professionellen Künste für die Eliten reserviert seien.

Stattdessen fordere das Konzept „Kultur für alle“, dass jeder Bürger alle kulturellen „Angebote in allen Sparten mit allen Spezialisierungsgraden nutzen können“ müsse. Vorhandene Einschränkungen wie Geld, familiäre Verpflichtungen, ungünstige Arbeitszeiten oder mangelnde Mobilität sollen weitgehend abgebaut werden. Die kulturellen Angebote dürfen weniger bestehende Privilegien bestätigen noch unüberwindbar neue aufrichten. (Hoffmann 1979 S. 12).

Dabei müsse sich der Kulturbegriff von bestehenden Institutionen wie Museum, Konzert, Oper oder Bibliothek lösen. Kunst dürfe aber auch nicht auf einen sogenannten weichen Standortfaktor reduziert werden. Als solcher sei sie „ersetzbar, weil sie sich nicht durch sich selbst legitimiert.“ (Hoffmann 1979, S 16)

Kulturpolitik habe ihre eigenen Gesetze. „Sie ist nicht Lobby der Künste um jeden Preis, sondern Stelle der Vermittlung zwischen Kunst und Gesellschaft …, im Sinne eines ehrlichen Maklers.“ Ihre entscheidenden Leitlinien seinen die „Demokratisierung der Kultur und die allmähliche Entwicklung einer kulturellen Demokratie“. „Eine neue Intensität unseres kulturellen Lebens ist unabdingbar, schon angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen und hier zeigt sich, dass die Künste und die Kultur im wörtlichen Sinne ‚Überlebensmittel’ sind und noch mehr sein werden.“ (Hoffmann 1979, 19)

Das Demokratieprinzip garantiere die Mitwirkung des Volkes am staatlichen Leben. Die Teilhabe stehe jedem Bürger gleichermaßen zu, auch in der Kulturförderung und –vermittlung.

Kulturpolitik müsse also

  • „ein allerbreitestes Spektrum künstlerischer Äußerungen aktiv unterstützen,“
  • ·„möglichst jedem Menschen den organisatorischen Zugang zu und die rezeptive Teilhabe an den verschiedenen Erscheinungsformen von Kunst zu ermöglichen“. (Hoffmann 1979, 31).

Daran hätten sich Personalentscheidungen zu orientieren. Ebenso müsse die künstlerische Freiheit in den Einrichtungen gewährleistet sein.

Kommunale Kulturpolitik habe die Aufgabe, „durch entsprechende Förderung die Produktion von Kunst sicherzustellen und diese mit öffentlichen Mitteln geförderte Kunst möglichst allen Bürgern in gleicher Weise zugänglich zu machen“. (Hoffmann 1979, 33). Deren Inhalte müssten also auf eine Weise vermittelt werden, „das die festgelegten sozialen Unterschiede durch die Sozialinstanzen wie Elternhaus, Schule und Beruf planvoll und systematisch beseitigt werden.“ Es seien die Voraussetzungen zu schaffen, „dass alle Kunst verstehen, sich aneignen, darüber verfügen und sie als in ihre Wirklichkeit integrierten Teil erleben können.“ (Hoffmann !979, S. 34)

‚Kultur für alle’ sei kein Programm zur Kunstvermittlung oder –popularisierung. (oder der Nivellierung), sondern darauf angelegt, „durch eine Intensivierung der kulturellen Auseinandersetzung auch das Potential für die sogenannte Hochkultur zu verbreitern“. Hoffmann 1990, 59)

Daraus ergeben drei wesentliche Inhalte kulturpolitischer Programme:

  1. Erleichterung und Erweiterung des Zugangs zu bestehenden Einrichtungen: Subventionen des Kulturbetriebs sollen allen nutzen. Notwendig seien daher auch „pädagogische Hilfen, motivierende, attraktive Darbietungen sowie ein spielerischer Umgang mit Kultur. Die historische Kunst und Kultur müsse wiederentdeckt und neu interpretiert werden.
  2. Die klassische Kulturförderung müsse ergänzt und auf Bereiche wie Jazz, Kleinkunst u.a. ausgeweitet werden.
  3. Die Menschen sollen zu eigener kultureller Aktivität angeregt werden. (Hoffmann 1990, 63)

‚Kultur für alle ‚ sei ein Programm der „Kulturentwicklung das die professionellen Künste davor bewahrt, ihre Freiheit künftig aus Desinteresse verkommen zu lassen. Kunst müsse vor der „Gunst eines immer kleiner werdenden zahlenden Publikums“ bewahrt werden.

Hoffmann setzt auf einen Dialog zwischen dem Künstler und dem Publikum, der die „ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Werk“ erst ermöglichte. Dabei müsse auch ein Gegengewicht zum Markt geschaffen werden. Es könne aber nicht darum gehen, „um jeden Preis unattraktive Angebote der kulturellen Ladenhüter gegen jede Marktlogik en vogue zu halten, sondern um die Befriedigung vorhandener Bedürfnisse, für die der Markt nichts anbietet. (Hoffmann 1979, 67).

Literatur:
Hoffmann, Hilmar (1979): Kultur für alle. Frankfurt
Hoffmann, Hilmar (1990): „Kultur für alle“. Soziale Bedingungen demokratischer Kultur. In ders.: Kultur als Lebensform.